Die neue Psychotherapie-Richtlinie

Von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt findet seit diesem Wochenende eine grundlegend reformierte Psychotherapie-Richtlinie Anwendung. Die neue Richtlinie stellt aus Sicht von Fachpersonen die bedeutendste strukturelle Reform der psychotherapeutischen Versorgung seit dem Psychotherapeutengesetz aus dem Jahr 1999 dar, im Folgenden ein kurzer Überblick über wichtige Neuerungen.

Herzstück der Reform ist die psychotherapeutische Sprechstunde, die neu eingeführt wird und jedem Versicherten ohne einschlägige Vorbehandlung zeitnah die Möglichkeit des Kontakts zu einem Psychotherapeuten eröffnen soll. So sollen Ratsuchende im Rahmen dieser Sprechstunden innerhalb von drei Stunden nicht nur eine erste diagnostische Abklärung hinsichtlich ihrer psychischen Beschwerden erhalten, sie sollen auch über die unterschiedlichen Richtlinienverfahren und geeignete Therapieoptionen informiert werden. Es müssen mindestens zwei Stunden in der Woche für diese Sprechstunden angeboten werde, es besteht jedoch keine Pflicht zur Einrichtung von Sprechstunden. Bei Feststellung einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung und fehlenden freien Behandlungsplätzen wird zudem auf die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen hingewiesen – diese müssen innerhalb von vier Wochen einen freien Behandlungsplatz bei einem approbierten Psychotherapeuten finden oder alternativ eine ambulante Behandlungsmöglichkeit in einem Krankenhaus vermitteln.

Ein weiteres Element der neuen Richtlinie ist die so genannte Akutbehandlung. Hier sollen Menschen in Krisensituationen zügig psychotherapeutische Unterstützung erhalten – insbesondere zur Vermeidung von andernfalls drohenden schwereren Krankheitsverläufen, notwendigen Klinikaufenthalten und/oder längerfristigen Arbeitsausfällen. Hier können bis zu 24 Sitzungen à 25 Minuten stattfinden. Da diese Sitzungen nicht bei der Krankenkasse beantragt werden müssen, können sie zeitnah nach der Sprechstunde beginnen.

Hinsichtlich der bisher bereits vorhandenen Kurzzeit- und Langzeittherapien sieht die Richtlinie ebenfalls einige Neuerungen vor. So werden ab jetzt kurzfristige Behandlungen von bis zu 25 Sitzungen in zwei Abschnitte à 12 Stunden unterteilt, wobei jeder Abschnitt antragspflichtig ist und von der Krankenkasse genehmigt werden muss (innerhalb von drei Wochen). Experten befürchten an dieser Stelle u.a. die Entstehung von neuen Wartezeiten. Hinsichtlich der Langzeittherapien gibt es mit Blick auf die Höchststundenzahlen von Therapien keine Änderungen, allerdings verändern sich die Beantragungsschritte. So werden beispielsweise bei der tiefenpsychologisch fundierten Therapie in einem ersten Schritt nicht wie bisher 50 Stunden sondern 60 Sitzungen beantragt. Darüber hinaus gibt es jetzt die Möglichkeit zu einer Rezidivprophylaxe, die – je nach Dauer der vorangehenden Behandlung – mit acht bis 16 Sitzungen nach Abschluss einer Langzeittherapie über einen Zeitraum von zwei Jahren nach Behandlungsabschluss durchgeführt werden kann, u.a. zur Vorbeugung eines Rückfalls. Experten kritisieren hier u.a., dass die Rezidivprophylaxe nicht nach Kurzzeittherapien angeboten werden darf, ebenso die mangelnde Flexibilität.

Last but not least gibt es in der neuen Richtlinie auch weitere Regelungen zur Dokumentation. Die neu eingeführte Standarddokumentation für die ambulante Psychotherapie sieht neben dem Einsatz von Dokumentationsbögen u.a. eine obligatorische Verwendung von psychometrischen Testverfahren vor, bei Kindern und Jugendlichen darüber hinaus die grundsätzlich notwendige Erfassung der Intelligenz – wobei auch hier Experten Zweifel äußern, ob die einzusetzenden Instrumente tatsächlich helfen werden, die Behandlungsqualität zu verbessern.

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20 Gedanken zu “Die neue Psychotherapie-Richtlinie

  1. Danke, für mich werden diese Neuerungen auch nichts bringen. Ich warte nun seit einem Jahr, auf einen Therapieplatz meiner Wahl (nach 2 gescheiterten Therapieansätzen bei Kassenpsychotherapeuten) sehe ich mein Heil nur noch in der IFS – die natürlich von den Kassen nicht bezahlt und anerkannt ist. In die Psychiatrie oder ein Akutkrankenhausaufenthalt (was ein Vielfaches mehr kosten würde) zur Traumatherapie würde ich – sogleich hinkönnen. Tapferkeit, eigene Initiative und Eigeninformation, wird in unserem Krankheitssystem bestraft. („Du machst das, was wir für Dich richtig finden und wenn das nicht klappt und völlig daneben ist – ist es Deine Schuld und Dein Versagen – wir zahlen doch keine Alternativen, wir sind alternativlos, wir haben die Macht“). Dass man inzwischen soviel aufgebaut hat um zu überleben, was viel Kraft und Energie gekostet hat – wird nicht anerkannt, dafür gibt es keine Unterstützung, da muss man fast bei Gericht sogar die Krankengymnastik-Rezepte einklagen, weil man nach dem Unfall sie länger braucht als die das vorsehen.
    Aber wir sind gewohnt von (Vor-)Geburt an, an das Unrecht und die Hirnrissigkeiten unseres sog. Hilfesystems, das oft alles noch schlimmer macht.
    Verzeihung mein lamentieren, aber mich macht so vieles in unserem System so wütend.

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    • Danke für deinen Kommentar. Was für ein mühsamer und kräftezehrender Prozess, den du da beschreibst! Aus meiner Sicht bringt die in Deutschland übliche Kassenfinanzierung von psychotherapeutischen Leistungen im Vergleich zu Ländern, in denen das anders geregelt ist, viele Vorteile mit sich – gleichzeitig kann ein solches System aber an anderer Stelle starr und unflexibel sein, wie du schreibst. So zieht sich die Anerkennung der Systemischen Therapie, zu der die von dir genannte IFS-Therapie meiner Ansicht nach auch gehören müsste, als Richtlinienverfahren ja leider bereits über Jahre hin…

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    • Hallo Jenny! Das stimmt, wobei der Besuch der Sprechstunde nicht in dieses Kontingent fällt. Vorher gab es übrigens auch nicht pauschal fünf probatorische Sitzungen für alle Verfahren, Psychoanalytiker durften bisher bis zu acht dieser Sitzungen durchführen. Grüße, therapeutenseele

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  2. Da ich ja gerade mal wieder auf Therapeutensuche bin oder war oder was auch immer:
    Mir haben am Telefon einige Therapeuten gesagt, dass sie durch die neuen Richtlinien jetzt weniger Patienten behandeln können, weil sie telefonisch viel mehr erreichbar sein müssen etc.

    Was ich nach wie vor schwierig finde, ist, dass man bei einem Therapeutenwechsel innerhalb eines Verfahrens nur ein halbes Jahr Zeit hat, die Stunden weiter zu nutzen. Und dass es diese 2-Jahressperre gibt. Das ist für Menschen mit komplexen Traumatisierungen oder anderen frühen strukturellen Störungen etc. echt schwierig.
    Aber das ist wohl eher Sache der Krankenkassen, als dieser Richtlinie, oder?

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    • Zu deinem ersten Punkt muss ich einfach mal sagen, dass ich die Aussage, weil sie jetzt 200 min telefonisch erreichbar sein muss, könne man nicht mehr soviel arbeiten. Ja klar, wenn ich es mir vorher bequem (das sage ich extra mal so provokativ) gemacht habe, dass ich nur Donnerstags zwischen 10:30 und 11 Uhr errreichbar bin – dann ist es auch klar, dass das Telefon in dieser Zeit dauerklingelt – muss ich jetzt was ändern. Meine Therepeutin errricht man normalerweise tagsüber 10 min vor der vollen Stunde alternativ wird man zurückgerufen und das gilt auch für potentiel neue Patienten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich nicht dauertelefonieren muss und die 200 min sind locker gegeben. Ich erinnere mich noch, dass dieses „10 min vor der vollen Stunde“ vor zwanzig Jahren völlig normal war und sich dann irgendwann verändert haben muss.

      Zu deinem zweite Punkt: ich weiß nicht wie da die Regelung ist, aber ich habe letztes Jahr ein Therapeutenwechsel mit Verfahrenswechsel (TFP nach analytisch) gemacht und an der Ausgestaltung der Stunde hat sich nicht sooo viel geändert. Klar hat sich was geändert, ist ja auch eine andere Therapeutin, ein anderer Mensch. Und das ist auch gut so. Mir hat es zumindest gut getan aus dem Trott mit meiner alten Therapeutin rauszukommen.
      Ich denke es kommt nicht so sehr darauf an, was außen drauf steht, sondern was tatsächlich drinnen ist.

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      • Danke für deinen Kommentar. So einfach ist das alles leider nicht. Die neue Sprechzeiten-Regelung, wenn sich nun denn eine psychotherapeutische Praxis dafür entscheidet, setzt tatsächlich für einen Psychotherapeuten mit vollem Versorgungsauftrag 100 Minuten Sprechstunden-Zeit voraus, wobei die Mindesteinheit bei 25 Minuten liegen muss. Darüber hinaus ist eine telefonische Erreichbarkeit von mindestens 200 Minuten pro Woche zu gewährleisten, wobei auch hier die Mindesteinheit bei 25 Minuten liegen muss. Somit reichen die Zeitfenster von zehn Minuten zwischen den Behandlungen nicht aus, um nach den neuen Richtlinien eine ausreichende telefonische Erreichbarkeit zu gewährleisten bzw. sind nicht anrechenbar. Wenn jemand also insgesamt nicht  mehr arbeiten kann oder will, dann werden die zeitlichen Kontingente für die Durchführung von Therapien selbst tatsächlich durch die neuen Regelungen weniger.

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    • Vielen Dank für deine Anmerkungen. Was die zweijährige Sperrfrist nach Beendigung einer Therapieangeht, so gab und gibt es diese so tatsächlich nicht, auch wenn es häufig so propagiert wird. Im Prinzip bezieht sich der Zwei-Jahres-Zeitraum drauf, dass – wenn zwischen dem Abschluss einer Therapie um dem Zeitpunkt der Antragsstellung ein Zeitraum von weniger als zwei Jahren liegt – auch die Durchführung einer Kurzzeittherapie gutachterpflichtig ist. Bei Vorliegen einer entsprechenden Indikation kann also selbstverständlich auch innerhalb des besagten Zwei-Jahres-Zeitraums eine weitere, dann aber auf jeden Fall gutachterpflichtige Kostenübernahme für eine psychotherapeutische Behandlung beantragt werden – es muss sich nur jemand finden, der die Mühe des zeitaufwändigen Antragsschreibens auf sich nimmt… Zukünftig wird es in solchen Fällen meiner Einschätzung nach verstärkt dazu kommen, dass innerhalb von zwei Jahren nach Therapiebeendigung eine Rezidivprophylaxe durchgeführt wird und die besagten zwei Jahre mit niederfrequenten Sitzungen zu überbrücken. Dies war bisher allerdings auch möglich, allerdings als so genanntes Krisengespräch, das pro Patient bis zu dreimal im Quartal abgerechnet werden konnte.

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  3. Das habe ich so tatsächlich noch nie gehört! Danke!
    Die KK sagte nur: schnell suchen, sonst sind Sie 2 Jahre gesperrt.
    Und die Therapeuten können mich nicht nehmen, weil sie innerhalb des halben Jahres keinen Platz haben. Mh.

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    • Das ist echt ärgerlich! Ich drücke dir die Daumen, dass du doch noch kurzfristig jemanden findest. Leider haben ja gerade die Menschen mit schwerwiegenderen Problemen häufig Schwierigkeiten, eine ambulante Behandlungsmöglichkeit zu finden – obwohl gerade sie diese ja dringend benötigen 😦

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      • Danke, das ist sehr nett! 🙂
        Ja, ich wurde schon ein paar Mal abgelehnt, als man genaueres wissen wollte über mich. Ich habe das Gefühl, manche Therapeuten wollen nur „Selbsterfahrungs- oder Wellnesstherapie“ anbieten.
        Ich habe schon überlegt immer nur von „Depressionen“ zu sprechen, damit wenigstens die Chance eines Kennenlernes zustande kommt.

        In ein paar Wochen geht es sowieso erstmal wieder zu einer Etappe Traumatherapie in die Klinik. Und in diesem Zusammenhang gab es eine kleine Annäherung mit der Ex-Therapeutin. Vielleicht wird es ja mit ihr nochmal was?

        Liebe Grüße und frohe Ostern!!!

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  4. Danke für die Konkretisierung bezüglich der telefonischen Sprechzeiten. Die bessere Erreichbarkeit wird aber auf jeden Fall die Therapeutensuche erleichtern. Denn es ist echt nervig wenn man die Listen mit Therapeuten abtelefoniert und man dafür eigentlich Urlaubnehmen müsste. Denn parallel zur Arbeit ist das echt schwierig und ich wollte auch nicht, dass meine Kollegen mit denen ich ein Büro teilte alles mitbekommen. Ich habe damals viel Zeit vor der Tür unseres Betriebes verbracht. Aber nach dem die komischen Sprechzeiten der einzelnen Therapeuten abgearbeitetet waren, war es auch kein Problem einen Therapieplatz zubekommen. Ich habe anscheinend aber auch ein goldenes Händchen für die Therapeutenfindung. Beim letzten Mal hatte ich innerhalb kürzester Zeit 5 Erstgespräche und 3 Platzzusagen. Nach welchem Kriterium die Platzvergabe (abgesehen von „ich kann mir vorstellen mit Patient X zuarbeiten“) im Endeffekt abläuft liegt wohl eh im Ermessen des jeweiligen Therapeuten.

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    • Bei den langen durchschnittlichen Wartezeiten auf Therapieplätze, die eigentlich deutschlandweit bei mehreren Monaten liegen, ist das ein tolles Ergebnis, das du da beschreibst. Da kannst du dich wirklich glücklich schätzen! 🙂

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  5. Ja wirklich! Ich stehe seit 2 Jahren auf der Wartelister einer tollen Therapeutin. Habe letztens wieder nachgefragt: (immer noch?) keine Chance.
    Bei den anderen sieht es genau so aus. Aber ich wohne auch in einer kleinen Stadt…

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  6. Pingback: Die neue Psychotherapie-Richtlinie | Heilung durch Selbstsorge

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