Geschenke annehmen

Immer wieder passiert es, dass ich – zum Beispiel während einer laufenden ambulanten Therapie während der Feiertage oder zum Ende eines stationären Aufenthalts hin oder einfach so mal zwischendurch – beschenkt werde. Die Geschenke sind sehr unterschiedlich, in jedweder Hinsicht. Manchmal bekomme ich ein Buch geschenkt, manchmal überreicht mir jemand eine Schachtel Pralinen, manchmal erhalte ich etwas Selbstgemachtes. Eins der schrägsten Geschenke, die ich im Laufe meines Berufslebens erhalten habe, war wohl die selbst gekochte Marmelade, die mir eine Patientin einmal während ihres stationären Aufenthalts auf der psychosomatischen Station, auf der ich damals arbeitete, überreichte. Was auf den ersten Blick recht harmlos wirkte, war auf den zweiten Blick in seiner Symbolik kaum zu übertreffen. Hatte mir die Schenkerin doch gerade erst eine Therapiestunde zuvor von ihren ausgeprägten Vergiftungsphantasien ihrer Mutter gegenüber Bericht erstattet…

Generell ist die Frage, ob wir als Therapeuten Geschenke annehmen dürfen und, wenn ja, zu welchen Konditionen, eine viel diskutierte, die auch immer wieder unter Fachkollegen in persönlichen Gesprächen kontrovers besprochen wird. Während manche Psychotherapeuten Geschenke rigoros ablehnen, sehen andere Kollegen gute Gründe dafür, Geschenke anzunehmen – zum Beispiel, um die therapeutische Arbeitsbeziehung zu stärken. Von ethisch-rechtlicher Seite her gibt es für dieses Thema keine klaren Vorgaben. So heißt es in der (Muster-)Berufsordnung der Bundespsychotherapeutenkammer lediglich: „Die Tätigkeit von Psychotherapeuten wird ausschließlich durch das vereinbarte Honorar abgegolten. Die Annahme von entgeltlichen und unentgeltlichen Dienstleistungen im Sinne einer Vorteilnahme ist unzulässig. Psychotherapeuten dürfen nicht direkt oder indirekt Nutznießer von Geschenken, Zuwendungen, Erbschaften oder Vermächtnissen werden, es sei denn, der Wert ist geringfügig“ (§ 6 Abs. 3).

Angesichts dieser Situation entscheiden sich viele Therapeuten für einen Mittelweg. So stellen Geschenke von geringem materiellen Wert, wie zum Beispiel eine Schachtel Pralinen als Abschiedsgeschenk zum Ende einer Therapie hin, für den Großteil der Therapeuten kein Problem dar. Kostspielige, aufwändige oder symbolische Geschenke sind dahingehend schwieriger. Häufig fühlen sich Therapeuten durch derartige Geschenke verpflichtet, in Zugzwang gebracht oder unter Druck gesetzt. Auch nicht materielle Geschenke wie kleinere Dienstleistungen können problematisch für alle Beteiligten sein. So habe ich vor einiger Zeit in einem Internetforum einen Beitrag gelesen, in dem jemand schilderte, wie die Therapeutin sie nach beendeter Sitzung darum bat, kurz ihre Winterreifen aus dem Keller räumen zu helfen… Ein anderes Beispiel stammt aus dem Buch Die rote Couch von Irvin Yalom. Hier erhält ein Psychoanalytiker von einem Patienten einen heißen Börsentipp – und verliert in der Folge fast sein gesamtes Vermögen.

Zum Schluss muss ich aber feststellen, dass allen Rationalisierungsversuchen zum Trotz die Reaktion auf ein dargebotenes Geschenk am Ende eine individuelle Entscheidung aus der Situation heraus bleibt, rein intuitiv. Das ist zumindest das, was ich an mir selbst beobachten kann. Ich habe bisher übrigens nur wenige Geschenke abgelehnt, die meisten Geschenke nehme ich zunächst an und bedanke mich dafür. Wenn irgend möglich, versuche ich in der Folge aber, die mit dem Geschenk einhergehende spezifische Bedeutung zu klären und zu bearbeiten, auch die hiermit verbundenen Bedürfnisse, Impulse und Gefühle. Übrigens auch nicht nur die meines Gegenübers, auch meine eigenen. Denn: Auch der Vorgang des Beschenktwerdens und Schenkens ist letztlich ein intersubjektives Geschehen, das therapeutisch wertvoll ist und nur in der Analyse des gemeinsamen Kontexts und im wechselseitigen Austausch verstehbar und erklärbar werden kann.

 

Weg-da

Wenn sie an einem derart trüben Tag wie heute aus dem Fenster schaut, dann wird ihre Stimmung direkt noch düsterer als sie diese Tage sowieso schon ist. Nichts ist schön in diesen Zeiten – im Wesentlichen geht es darum, ein dunkles Tal zu durchschreiten bis eines Tages die Helligkeit zurückkommen wird. Hoffentlich. Das Leben überleben, oder so ähnlich. Und dann hilft es ihr, sich diese eine ihrer Überlebenshilfen ins Gedächtnis zu rufen. Alles das, was dazu beiträgt, um den Glauben an die Zukunft nicht zu verlieren. Ein wichtiges Helferlein hat sie mir heute verraten: Die Sonne. Die leuchtende und strahlende Sonne trage zu ihrem Überleben bei, jeden Tag und auch dann, wenn sie sich hinter all den Wolken verstecke, so wie heute an diesem traurig-grauen Regentag. Sie lacht kurz auf. Genau das sei ja der Clou: Wir können zwar gerade die Sonne nicht sehen, klar. Aber: Nur, weil wir sie nicht wahrnehmen können, heißt das doch nicht, dass sie nicht da ist. Natürlich ist sie da. Ja, hinter den Wolken lächelt sie uns zu, so wie jeden Tag. „Und genau darum geht es doch, oder?!“ Und dann sehe ihr Gesicht für einen kurzen Moment aufleuchten, hell und klar.

Eine Institution imWandel

Neulich abends bei einem netten Beisammensein, dabei ein paar Psychiater, ein paar Psychologen, ein paar andere. Ein Gespräch über die Institution Psychiatrie, eher kritisch orientiert, denn es sind ein paar kritisch-psychiatrisch denkende Menschen mit von der Partie. Aus dem Off höre ich inmitten des Gesprächsmurmelns auf einmal folgenden Satzfetzen: „… wenn ein Mensch die Psychiatrie überlebt hat, dann…“ Ich horche interessiert auf. Das klingt… Naja, ich weiß gar nicht wie. Beunruhigend? Interessant? Merkwürdig? Hm. Im weiteren Gespräch geht es dann um die Wurzeln der westlichen Psychiatrie, auch um Philippe Pinel, den Vater der modernen Psychiatrie. Ihm gelang es im 18. Jahrhundert, die ‚Irren‘ von den Ketten zu befreien – ein Gemälde von Tony Robert-Fleury aus dem Jahr 1876 zeugt von diesem denkwürdigen Spektakel. Auch soll Pinel schon damals ehemalige Patienten in der von ihm geführten Klinik beschäftigt haben. So zum Beispiel Jean Baptise Pussin, einem brillanten Kliniker und Therapeuten, mit dem er lange Zeit gemeinsam arbeitete und forschte.

In seinem für die damaligen Verhältnisse recht aufgeklärten Tun kann Pinel somit als frühes Vorbild für die heutige EX-IN-Bewegung gesehen werden. Diese ist vor ungefähr 10 Jahren aus einem europäischen Forschungsprojekt hervorgegangen, das mit dem Ziel Fragen alternativer Psychiatrie zu erforschen an den Start gegangen war. Seit 2008 können dank dieser Forschungsleistung Psychiatrie-Erfahrene über eine so genannte EX-IN-Ausbildung zu bezahlten Fachkräften im psychiatrischen System werden. Einer in der Runde erzählt jetzt vom Klinikum Bremerhaven, in dem Psychiatrie-Erfahrene schon seit längerem als Genesungsbegleiter mitarbeiten, wohl sogar mit zwei Personen pro Team. Einen Innovationspreis haben sie 2014 dafür bekommen. Schade, denke ich, dass ich nicht in Bremerhaven wohne. In meiner Klinik hatten wir zwar neulich auch mal eine EX-IN-lerin als Praktikantin vor Ort – aber außer einer angedachten Minijob-Stelle sind feste Stellen für EX-IN-ler bei uns vorerst nicht vorgesehen.

Und jetzt werde ich doch ein wenig nachdenklich. Vom rosa-flauschigen Bild einer neuen, anderen, besseren Psychiatrie wende ich mich hin zu all den Problemen, die die heutige Psychiatrie zu bewältigen hat. Rufe mir in den Sinn, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass nur kurz vor knapp die Einführung des pauschalierenden Entgeltsystems Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) für stationäre und teilstationäre Leistungen verhindert werden konnte. Erinnere mich, dass erst vor ein paar Wochen auf einer benachbarten Station eine Pflegeperson eine Patientin geschlagen haben soll. Frage mich, wieso die meisten der mir bekannten Klinikpsychologen mittlerweile in Settings arbeiten, die weit weg sind von den Inhalten und Zielen der Psychiatrie-Enquête. Und da ist sie jetzt, die Frage nach der modernen Psychiatrie. Die Frage, bei deren Beantwortung sich die Geister scheiden – immer noch, nach all den Jahren…