Abbruchtendenzen

Es gibt so Vieles, worüber ich schreiben könnte… Den alten blinden Mann im Supermarkt, der mühevoll versucht, die schönstfarbigen Rosen für das Grab seiner verstorbenen Frau zu finden. Den kleinschrittig-schlurfenden jungen Mann, dem Erfahrene schon von Weitem ansehen können, dass er gerade Neuroleptika einnimmt. Die junge Patientin, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus der Klinik geschafft wurde, weil sie massiv von Verwandten bedroht wurde. Und trotz all dieser Geschichten im Kopf, finde ich den Weg hierher nicht. Es fällt mir schwer, diese Zeilen zu tippen, ich bin lieber woanders. Und denke, dass es vielleicht auch manchmal meinen Patienten so geht, denjenigen, die – für mich völlig plötzlich und unerwartet – von einer Woche auf die andere, nicht mehr bei mir erscheinen. Weg und verschwunden. Und vielleicht ist das dann auch mal okay so. Ich weiß es nicht.

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Selbstwirksam

Heute habe ich sie nach einer längeren Zeit der Unterbrechung wiedergesehen – nach einer vorab verabredeten Pause erschien die modisch gekleidete, ein wenig dürr wirkende 18-Jährige gestern zum Gespräch. In der letzten Sitzung hatten wir uns noch über einen längeren Zeitraum mit der Angst der jungen Frau beschäftigt: Nach einem Schritt in Richtung Autonomie – kurz gefasst Beginn einer Berufsausbildung und beginnende Überlegungen zum Auszug aus dem Familienhaushalt – war sie plötzlich da. Eine lähmende Angst, das Haus zu verlassen. Ohne Begleitung einer anderen Person kein Gang mehr möglich, die gerade erst geplante Zukunft nur noch eine zerplatze Seifenblase. Statt Ausbildung nun Hausarbeit, Versorgung der jüngeren Geschwister, Termine beim Amt und bei Beratungsstellen. Schnell wurde dort ein Entschluss gefasst, eine spezialisierte soziale Einrichtung kontaktiert und ein Neuanfang in einem anderen Stadtteil in einer therapeutischen Wohngemeinschaft vereinbart, mit Besuch berufsvorbereitender Kurse, therapeutischen Betreuungseinheiten und baldigem begleitetem Beginn einer Ausbildung. Mulmig war angesichts dieser Pläne nicht nur der jungen Frau zumute – auch ich fragte mich skeptisch, in welcher Form die skizzierten Veränderungen den therapeutischen Prozess beeinflussen würden. Innerlich bereitete ich mich auf einen Therapieabbruch vor, ich hätte es nur zu gut verstanden. Und jetzt die Überraschung: Meine Frage nach der Entwicklung ihrer Ängste lächelt sie weg. Die Ängste, die über so lange Zeit hinweg ihr Sein und Handeln so vollständig bestimmt hätten, seien nicht mehr da, von heute auf morgen einfach weg. Ich zweifle, frage, staune. Aber es bleibt dabei: Angesichts der ihr unerträglichen Vorstellung des Verlassens der elterlichen Wohnung und dem damit zusammenhängenden Neuanfang in einem anderen Stadtteil, habe sie ihre Angst bezwungen. Nun fahre sie täglich alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln eine weite Strecke und nehme ambulant am ihr vermittelten Programm teil. Ein Paradebeispiel dessen, was man Selbstwirksamkeit nennt. Beeindruckt frage ich mich, was für Überraschungen diese Therapie wohl noch für mich bereithalten wird.

Überfordert

Verwirrt sitzt sie mir gegenüber, schildert die letzte Woche, in unzusammenhängenden Bildern, aneinandergereihte Wörter, die Reihenfolge willkürlich und unverbunden. Ein guter Freund habe sich gemeldet, er habe von Selbstmordgedanken gesprochen. Das Wort Selbstmord an einer Stelle, an der ich selbst habituell von Suizid spreche. Ich registriere das, mehr nicht. Es ist nur eins der im Eiltempo vorüberziehenden Bilder, Wortfetzen, Erzählmomente. Der Freund, wie er alkoholisiert plan- und ziellos durch die Straßen dieser Stadt zieht. Die Freundin des Freundes, wie sie sich in solchen Zeiten in die Badewanne legt und am ganzen Körper ritzt. Die beiden, wie sie aufeinander losgehen in ungebremster Gewalt, eine sich ineinanderschlingende Zerstörung des anderen, aber auch sich selbst. Eine Familiengeschichte, die das alles erklären könnte, hier nur ein weiteres unverstandenes Element in der wirren Wortkette, das in den Raum geschleudert wird. „Die gehören doch alle in die Klapse,“ bricht es aus ihr heraus – und für einen kurzen Augenblick nehme ich hinter all dem – dem Zorn, der Wut, der Verzweiflung – eine bodenlose Angst wahr, die auch mich mit eisiger Hand zu umklammern und zu fassen sucht… Und genau hier möchte ich jetzt ansetzen im Gespräch. Ich möchte mit meinem Gegenüber über das Eigene, das sich hier – überlagert und weggedrängt vom Fremden – so vorsichtig als ein aggressives Moment der Für_Sorge zeigt, sprechen und nachdenken, wir sind hier an einem wichtigen Punkt in der Therapie angelangt, da bin ich mir sicher. Gleichzeitig höre ich mich so etwas sagen wie: „Das ist ein wichtiges Thema, das Sie da ansprechen. Ich denke, wir sollten darüber auf jeden Fall in unserer nächsten Sitzung noch einmal ins Gespräch kommen, für heute ist unsere Zeit ja leider um.“ Nach unserer Verabschiedung fällt die Tür ins Schloss – und ich kann nur hoffen/mich nur sorgen, dass wir in der nächsten Sitzung so etwas wie ein Anknüpfen an dieses Moment schaffen werden. In gewisser Weise schließt sich damit für mich der Kreis. Je nachdem, wie die nächste Sitzung verlaufen wird.