Überfordert

Verwirrt sitzt sie mir gegenüber, schildert die letzte Woche, in unzusammenhängenden Bildern, aneinandergereihte Wörter, die Reihenfolge willkürlich und unverbunden. Ein guter Freund habe sich gemeldet, er habe von Selbstmordgedanken gesprochen. Das Wort Selbstmord an einer Stelle, an der ich selbst habituell von Suizid spreche. Ich registriere das, mehr nicht. Es ist nur eins der im Eiltempo vorüberziehenden Bilder, Wortfetzen, Erzählmomente. Der Freund, wie er alkoholisiert plan- und ziellos durch die Straßen dieser Stadt zieht. Die Freundin des Freundes, wie sie sich in solchen Zeiten in die Badewanne legt und am ganzen Körper ritzt. Die beiden, wie sie aufeinander losgehen in ungebremster Gewalt, eine sich ineinanderschlingende Zerstörung des anderen, aber auch sich selbst. Eine Familiengeschichte, die das alles erklären könnte, hier nur ein weiteres unverstandenes Element in der wirren Wortkette, das in den Raum geschleudert wird. „Die gehören doch alle in die Klapse,“ bricht es aus ihr heraus – und für einen kurzen Augenblick nehme ich hinter all dem – dem Zorn, der Wut, der Verzweiflung – eine bodenlose Angst wahr, die auch mich mit eisiger Hand zu umklammern und zu fassen sucht… Und genau hier möchte ich jetzt ansetzen im Gespräch. Ich möchte mit meinem Gegenüber über das Eigene, das sich hier – überlagert und weggedrängt vom Fremden – so vorsichtig als ein aggressives Moment der Für_Sorge zeigt, sprechen und nachdenken, wir sind hier an einem wichtigen Punkt in der Therapie angelangt, da bin ich mir sicher. Gleichzeitig höre ich mich so etwas sagen wie: „Das ist ein wichtiges Thema, das Sie da ansprechen. Ich denke, wir sollten darüber auf jeden Fall in unserer nächsten Sitzung noch einmal ins Gespräch kommen, für heute ist unsere Zeit ja leider um.“ Nach unserer Verabschiedung fällt die Tür ins Schloss – und ich kann nur hoffen/mich nur sorgen, dass wir in der nächsten Sitzung so etwas wie ein Anknüpfen an dieses Moment schaffen werden. In gewisser Weise schließt sich damit für mich der Kreis. Je nachdem, wie die nächste Sitzung verlaufen wird.

Die neue Psychotherapie-Richtlinie

Von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt findet seit diesem Wochenende eine grundlegend reformierte Psychotherapie-Richtlinie Anwendung. Die neue Richtlinie stellt aus Sicht von Fachpersonen die bedeutendste strukturelle Reform der psychotherapeutischen Versorgung seit dem Psychotherapeutengesetz aus dem Jahr 1999 dar, im Folgenden ein kurzer Überblick über wichtige Neuerungen.

Herzstück der Reform ist die psychotherapeutische Sprechstunde, die neu eingeführt wird und jedem Versicherten ohne einschlägige Vorbehandlung zeitnah die Möglichkeit des Kontakts zu einem Psychotherapeuten eröffnen soll. So sollen Ratsuchende im Rahmen dieser Sprechstunden innerhalb von drei Stunden nicht nur eine erste diagnostische Abklärung hinsichtlich ihrer psychischen Beschwerden erhalten, sie sollen auch über die unterschiedlichen Richtlinienverfahren und geeignete Therapieoptionen informiert werden. Es müssen mindestens zwei Stunden in der Woche für diese Sprechstunden angeboten werde, es besteht jedoch keine Pflicht zur Einrichtung von Sprechstunden. Bei Feststellung einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung und fehlenden freien Behandlungsplätzen wird zudem auf die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen hingewiesen – diese müssen innerhalb von vier Wochen einen freien Behandlungsplatz bei einem approbierten Psychotherapeuten finden oder alternativ eine ambulante Behandlungsmöglichkeit in einem Krankenhaus vermitteln.

Ein weiteres Element der neuen Richtlinie ist die so genannte Akutbehandlung. Hier sollen Menschen in Krisensituationen zügig psychotherapeutische Unterstützung erhalten – insbesondere zur Vermeidung von andernfalls drohenden schwereren Krankheitsverläufen, notwendigen Klinikaufenthalten und/oder längerfristigen Arbeitsausfällen. Hier können bis zu 24 Sitzungen à 25 Minuten stattfinden. Da diese Sitzungen nicht bei der Krankenkasse beantragt werden müssen, können sie zeitnah nach der Sprechstunde beginnen.

Hinsichtlich der bisher bereits vorhandenen Kurzzeit- und Langzeittherapien sieht die Richtlinie ebenfalls einige Neuerungen vor. So werden ab jetzt kurzfristige Behandlungen von bis zu 25 Sitzungen in zwei Abschnitte à 12 Stunden unterteilt, wobei jeder Abschnitt antragspflichtig ist und von der Krankenkasse genehmigt werden muss (innerhalb von drei Wochen). Experten befürchten an dieser Stelle u.a. die Entstehung von neuen Wartezeiten. Hinsichtlich der Langzeittherapien gibt es mit Blick auf die Höchststundenzahlen von Therapien keine Änderungen, allerdings verändern sich die Beantragungsschritte. So werden beispielsweise bei der tiefenpsychologisch fundierten Therapie in einem ersten Schritt nicht wie bisher 50 Stunden sondern 60 Sitzungen beantragt. Darüber hinaus gibt es jetzt die Möglichkeit zu einer Rezidivprophylaxe, die – je nach Dauer der vorangehenden Behandlung – mit acht bis 16 Sitzungen nach Abschluss einer Langzeittherapie über einen Zeitraum von zwei Jahren nach Behandlungsabschluss durchgeführt werden kann, u.a. zur Vorbeugung eines Rückfalls. Experten kritisieren hier u.a., dass die Rezidivprophylaxe nicht nach Kurzzeittherapien angeboten werden darf, ebenso die mangelnde Flexibilität.

Last but not least gibt es in der neuen Richtlinie auch weitere Regelungen zur Dokumentation. Die neu eingeführte Standarddokumentation für die ambulante Psychotherapie sieht neben dem Einsatz von Dokumentationsbögen u.a. eine obligatorische Verwendung von psychometrischen Testverfahren vor, bei Kindern und Jugendlichen darüber hinaus die grundsätzlich notwendige Erfassung der Intelligenz – wobei auch hier Experten Zweifel äußern, ob die einzusetzenden Instrumente tatsächlich helfen werden, die Behandlungsqualität zu verbessern.

Geister im Gepäck

„Man muss sich seine Geister erziehen“, sagt sie mir im Brustton der Überzeugung, der mich darüber hinwegsehen lässt, dass wir jetzt über etwas reden werden, dass mit meiner persönlichen Realität nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun haben wird. „Es gab da einmal diesen Geist, der hat immer mit Sachen nach mir geworfen, im Badezimmer, wenn ich mich geschminkt habe.“ „Aha,“ ich nicke wissend lächelnd, beinahe so als hätte ich das auch schon einmal erlebt. Diese lästigen Geister, die – genau in dem Moment, in dem man sich mit leicht zittriger Hand seinen Lidstrich zieht – plötzlich und ungeahnt aus dem Hinterhalt ein Cremedöschen auf ihr Gegenüber abfeuern und dann höhnisch-dröhnend geisterhaft schlotternd an einem vorbei durch den Raum schweben… Ne, kenn ich nicht, beim besten Willen nicht. Nie gesehen, nie erlebt, nie mitgemacht. Das weiß sie natürlich auch, dessen bin ich mir sicher – psychotischer Schub, Drogenkonsum, persönliche Krise hin oder her. Aber trotzdem: Es ist ihr schon wichtig, hier und jetzt, mit mir darüber ins Gespräch zu kommen über diese Geister. Die ihr – neben einem drogensüchtigen und gewalttätigen Partner – das Leben in den eigenen vier Wänden so schwer machen, dass sie in unserer Abteilung im Laufe der Jahre zu einer der vielen, vielen Drehtürpatientinnen geworden ist. Eine, die reinstürmt, reingefahren wird, reinschleicht, alle paar Tage oder Wochen aufs Neue. Den einen oder anderen von uns – sei es jemand, der wie ich hier arbeitet, sei es jemand, der sich wie sie hier im (un)freiwilligen Patientenstatus aufhält – begrüßt sie dann freundlich lächelnd, so wie man vielleicht einem zufällig wiedergetroffenen alten Bekannten auf der Straße begegnen würde. Gefragt wird sie nicht viel, wir kennen sie alle, glauben das zumindest. Wenn sich dann doch einmal ein Gespräch ergibt, bin ich stets aufs Neue überrascht. Trotz allem, was war, war ist, was sein wird, hat sie sich diese gewisse besondere Art, auf die sie sich im Nu in Kontakt setzen kann mit ihrer Außenwelt, beibehalten. Deshalb vielleicht auch die Geister. Nur ein kurzer Plausch auf dem Stationsflur über die Möglichkeiten des Einsatzes von Spiegeln in der mühsamen, kleinteiligen Erziehungsarbeit dieser lästigen Biester – und schon ist vergessen, dass wir uns gerade auf dem Stationsflur dieses absurden Orts befinden, den man doch eher als einen Zustand denn als eine Örtlichkeit bezeichnen könnte.