Inschallah

Ich sitze, äußerlich ruhig, in meinem Sessel, versuche möglichst viel Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen und merke gleichzeitig, was sich da mit ungeahnter Wucht in meinem Innen aufbaut. Dieser körpernahe Druck, den ich verspüre, wenn ich merke, dass mein Gegenüber nachdenkt… Nachdenkt, über die Grenze des Seins und Nicht-Seins, über die eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Eigentlich geht es darum im Gespräch noch gar nicht, aber das flaue Gefühl in meinem Inneren ist da, bevor die gesprochenen Worte mich erreichen – das tun sie erst Minuten später. Minuten, in denen mir erst klar wird, was die mir übersetzten Wortfetzen wie „ich muss meinen Aufenthaltstitel verlängern“, „ich soll die Belastung nachweisen“ und „ich kann nicht zurück“ in der Summe bedeuten. Ich frage: „Können Sie mir versprechen, dass Sie sich bis zu unserer nächsten Sitzung nichts antun werden und wir uns nächste Woche zur gewohnten Zeit hier wieder sehen werden?“ Die Antwort ein wirrer Satz aus Erinnerungen, Phantasien und Gedankensprüngen. Ich gehe im Kopf meine Alternativen durch, viele sind es nicht. Eine Anti-Suizid-Pakt abschließen… Meine Kollegin aus dem Nachbarraum hinzuziehen… Die Feuerwehr rufen… Ich will das nicht, nein, bitte nicht – nicht heute, nicht hier. Will mich nicht absichern müssen gegen die Möglichkeit des Todes, will nicht im Notfall-Handeln das mühsam Aufgebaute kaputtmachen, will nicht das Sinnige gegen das Formale eintauschen. Mindestens eine mündliche Verabredung brauche ich, das ist mir klar, anders geht es nicht. Und doch, ich bin so müde, erschöpft, am Limit. Bevor ich weiter nachsinnen kann, hole ich tief Luft und tauche von der Wasserfläche hinab in Richtung Meeresgrund, Zug um Zug, bis ich keine Luft mehr habe und mich fühle, als würde meine Lunge jede Sekunde platzen. So, als könnte auch ich keinen Moment mehr hierbleiben auf dieser Welt, mit diesen Menschen, in dieser Situation. Und im mühsamen Auftauchen dann halte ich sie, die kleine Perle, in der Hand, der Dolmetscher formuliert klar und sauber: „Nein, ich werde mir nichts antun,“ und: „Ja, nächste Woche komme ich.“ Ein Lächeln, und dann – nachgeschoben: „Inschallah.“ Mit einem Blick in die Augen meines Gegenübers weiß ich, auf diese Abmachung kann ich mich verlassen – der Druck fällt ab, ein Gefühl der Entspannung breitet sich aus. Geschafft ist damit noch nichts, ich weiß, aber ein weiteres Mosaiksteinchen hat heute seinen Platz gefunden.

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Abbruchtendenzen

Es gibt so Vieles, worüber ich schreiben könnte… Den alten blinden Mann im Supermarkt, der mühevoll versucht, die schönstfarbigen Rosen für das Grab seiner verstorbenen Frau zu finden. Den kleinschrittig-schlurfenden jungen Mann, dem Erfahrene schon von Weitem ansehen können, dass er gerade Neuroleptika einnimmt. Die junge Patientin, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus der Klinik geschafft wurde, weil sie massiv von Verwandten bedroht wurde. Und trotz all dieser Geschichten im Kopf, finde ich den Weg hierher nicht. Es fällt mir schwer, diese Zeilen zu tippen, ich bin lieber woanders. Und denke, dass es vielleicht auch manchmal meinen Patienten so geht, denjenigen, die – für mich völlig plötzlich und unerwartet – von einer Woche auf die andere, nicht mehr bei mir erscheinen. Weg und verschwunden. Und vielleicht ist das dann auch mal okay so. Ich weiß es nicht.

Selbstwirksam

Heute habe ich sie nach einer längeren Zeit der Unterbrechung wiedergesehen – nach einer vorab verabredeten Pause erschien die modisch gekleidete, ein wenig dürr wirkende 18-Jährige gestern zum Gespräch. In der letzten Sitzung hatten wir uns noch über einen längeren Zeitraum mit der Angst der jungen Frau beschäftigt: Nach einem Schritt in Richtung Autonomie – kurz gefasst Beginn einer Berufsausbildung und beginnende Überlegungen zum Auszug aus dem Familienhaushalt – war sie plötzlich da. Eine lähmende Angst, das Haus zu verlassen. Ohne Begleitung einer anderen Person kein Gang mehr möglich, die gerade erst geplante Zukunft nur noch eine zerplatze Seifenblase. Statt Ausbildung nun Hausarbeit, Versorgung der jüngeren Geschwister, Termine beim Amt und bei Beratungsstellen. Schnell wurde dort ein Entschluss gefasst, eine spezialisierte soziale Einrichtung kontaktiert und ein Neuanfang in einem anderen Stadtteil in einer therapeutischen Wohngemeinschaft vereinbart, mit Besuch berufsvorbereitender Kurse, therapeutischen Betreuungseinheiten und baldigem begleitetem Beginn einer Ausbildung. Mulmig war angesichts dieser Pläne nicht nur der jungen Frau zumute – auch ich fragte mich skeptisch, in welcher Form die skizzierten Veränderungen den therapeutischen Prozess beeinflussen würden. Innerlich bereitete ich mich auf einen Therapieabbruch vor, ich hätte es nur zu gut verstanden. Und jetzt die Überraschung: Meine Frage nach der Entwicklung ihrer Ängste lächelt sie weg. Die Ängste, die über so lange Zeit hinweg ihr Sein und Handeln so vollständig bestimmt hätten, seien nicht mehr da, von heute auf morgen einfach weg. Ich zweifle, frage, staune. Aber es bleibt dabei: Angesichts der ihr unerträglichen Vorstellung des Verlassens der elterlichen Wohnung und dem damit zusammenhängenden Neuanfang in einem anderen Stadtteil, habe sie ihre Angst bezwungen. Nun fahre sie täglich alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln eine weite Strecke und nehme ambulant am ihr vermittelten Programm teil. Ein Paradebeispiel dessen, was man Selbstwirksamkeit nennt. Beeindruckt frage ich mich, was für Überraschungen diese Therapie wohl noch für mich bereithalten wird.