Ausgerastet

Er steht im Zimmer, ängstliche Kinderaugen blicken ihn an. Wie aus der Ferne hört er seine Stimme, sie schwillt an, wird lauter: „Wenn hier nicht in fünf Minuten das Zimmer aufgeräumt ist, dann raste ich aus!!!“ Die Wut, er hat sie kommen spüren, reagiert auf sie hat er nicht. Aus Müdigkeit, aus Faulheit, aus Unlust. Jetzt hat sie ihn im Griff. Er bückt sich, greift wahllos etwas vom Boden, eine Zaubermaltafel. Nimmt sie hoch, wirft sie mit Kraft einmal quer durch den Raum. Sie knallt gegen die Wand, fällt zu Boden, zerbricht. Verzweifeltes Weinen im Hintergrund. Jetzt brüllt er: „Ich halte das nicht mehr aus mit Euch. Wieso könnt Ihr denn nicht wenigstens Eure Zimmer in Ordnung halten???!!!“ Kleine Händchen, die hastig nach umherliegendem Spielzeug greifen: Jetzt schnell guten Willen zeigen, alles wieder gutmachen, für Ruhe sorgen. Er schreit, tobt, wütet. Und dann, ganz plötzlich, von einer Sekunde auf die andere legt sich der Sturm. Er steht da, mitten im Chaos, fassungslos und entsetzt. War er das? Sucht die Blicke der Kinder, zwingt sie in den Kontakt, spürt wie sie weicher werden in der Umarmung. Hemmungsloses Schluchzen. Dann wieder seine Stimme, diesmal sanft und weich: „Es tut mir so leid. Ich weiß auch nicht, was gerade mit mir los war. Papa ist heute sooo müde…“ Zwei Tage später, beim Kaffeetrinken mit Freunden. Er erzählt von seinem Wutanfall und davon, wie sehr er sich schäme für sein Verhalten, vor allem vor sich selbst. Die Antwort des Freundes ganz schlicht: „Dass du so ausrasten kannst, das kann ich mir einfach wirklich nicht vorstellen.“

Eine Begegnung

Ich schmeiße mir meine Tasche über die Schulter und gehe schnellen Schritts auf die Schwimmhalle zu, kleide mich um und stehe Minuten später bis zum Hals im Wasser, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Besuch des Kurses „Aquafitness“ eine unheilvolle Allianz aus verzweifelt umgesetzten Neujahrsvorsätzen und dem stummen Vorwurf des vernachlässigten Bonusheftes meiner Krankenkasse. Nun stehe ich, ein wenig frierend beim Blick auf die verregnet-verschneite Außenwelt, hier im Wasser, zusammen mit einer Handvoll älterer Damen und frage mich, um wie viele Jahrzehnte ich den Altersdurchschnitt dieses Kurses mit meinem Erscheinen wohl gesenkt habe. Während mein Blick umherirrt zwischen dem irritiert-belustigten Kursleiter und den erfreut-berührt schauenden älteren Damen bleibt mein Blick auf einmal an einem Herrn älteren Semesters hängen, ein Fremdkörper im Kurs wie ich. Fast gleichzeitig gerate ich ins Schwanken, muss mich schnell am Beckenrand festhalten und erst einmal tief durchatmen. Das ist doch… Beinahe neben mir im Becken steht der ältere depressiv-ängstliche Herr, der seit vielen, vielen Monaten einmal in der Woche pünktlich, zuverlässig und unbeirrt zu mir in die wöchentliche ambulante Therapiesitzung kommt, ich bin mir ganz sicher. Abgesehen vom fraglichen persönlichen Wert dieses Kurses für mich ist die Kursteilnahme nun auch in beruflicher Hinsicht eine Herausforderung. Auch wenn ich die Möglichkeit, dass ich jemanden, dem ich als Therapeutin zur Seite stehe, einmal außerhalb des Therapieraums treffe, immer mitdenke und – zumindest in der Theorie – auch gut auf ein solches Aufeinandertreffen vorbereitet bin, so fühle ich mich dieser Situation im Moment hilflos ausgeliefert und massiv überfordert. Noch nie in meinem bisherigen Berufsleben habe ich Überschneidungen zwischen meinen privaten und beruflichen Kontexten erlebt, und nun das hier! Die nächsten 55 Minuten des Kurses verbringe ich in einem merkwürdigen Gefühlszustand, den ich nur schwer in seine Einzelteile zerlegen kann. Heimlich beobachte ich den älteren Herrn und überlege dabei fieberhaft, wie ich nun weiter vorgehe – quälend langsam verstreicht dabei die Zeit bis zum Kursende und mit jeder weiteren vergangenen Minute steigt meine innere Anspannung. Am Ende des Kurses schiebe ich mich handlungsunfähig-paralysiert in Richtung Beckenrand, der ältere Herr hat das Becken schon verlassen und steht ein paar Meter abseits, ins Gespräch mit einer offensichtlich gut bekannten adretten sympathischen Dame aus dem Kurs vertieft. Ich entscheide mich dafür, ihn zunächst zu ignorieren und dieses peinliche Intermezzo als Thema in die nächste Sitzung mitzunehmen, das erspart mir zumindest im Hier und Jetzt die aus meiner Sicht absolut unpassende Begegnung im Badedress. Schnell husche ich noch auf dem Weg zur Umkleidekabine zur ausgelegten Teilnehmerliste, trage mich dort ein und überfliege die Namen der anderen Kursteilnehmer. In dem Moment, in dem der Name des einzigen männlichen Kursteilnehmers sich seinen Weg in mein Bewusstsein bahnt, fällt eine tonnenschwere Last von mir ab: Der Name des älteren Herrn ist mir gänzlich unbekannt, ich habe mich geirrt.

 

Distanziert?!

Ich sitze im Auto, fahre durch die nachtdunklen Straßen, auf dem Weg nach Hause im dichten Verkehr durch die regennassen Straßen im Lichtergewirr. Jede Brücke, die ich unterquere, ein Mahnmal: Ich sehe sie da oben, auf dem Geländer balancierend, lachend und weinend zugleich. Die Grenzlinie zwischen Leben und Tod, plötzlich ganz nah. Ein Gefühl in meinem Magen breitet sich aus, dumpf und stumpf. Ich drehe die Musik lauter, setze der Betäubung und Ohnmacht etwas entgegen, es kommt nicht an. Fahre weiter, angestrengt, die Bilder im Kopf und im Herzen – richte meine Aufmerksamkeit ins Außen. Im Kopf ein Wirrwarr aus Wortfetzen… Fahre ich Schlangenlinien? Ich weiß nicht. Nein, es ist das Auto vor mir. Noch mehr Bilder, beschworen aus dem Moment heraus. Zuhause angekommen drehe ich den Schlüssel im Schloss. Sauge sie auf, die wohltuende Wärme, die beruhigende Vertrautheit, die sanfte Behaglichkeit. Zehn Minuten später halte ich ein Weinglas in der Hand, lasse den Wein kreisen, meine Gedanken vertieft in Worte über Anbaugebiete, Weinsorten, Aromen. Distanziert zuhause. Und doch nicht fern.